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An: Filippo Leutenegger

Tagesschule Zürich: Vereinbarkeit ernst nehmen

Offener Brief an das Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich
(inkl. ergänzende Hinweise und Stimmen aus Fachkreisen im Anhang)


Sehr geehrter Herr Leutenegger


Die Einführung der Tagesschule in der Stadt Zürich wird als wichtiger Schritt hin zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zu mehr Chancengleichheit für Kinder kommuniziert. Dieses Ziel ist richtig und unterstützenswert. In der konkreten Ausgestaltung zeigen sich jedoch erhebliche Probleme, die aus Sicht vieler betroffener Familien nicht ausreichend berücksichtigt wurden. 

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Festlegung der obligatorischen Schultage auf Montag und Freitag sowie einen zusätzlichen Tag (Dienstag oder Donnerstag). Was auf den ersten Blick nach Struktur und Planbarkeit klingt, führt in der Realität zu einer deutlichen Einschränkung der Flexibilität für Familien.


Insbesondere Haushalte mit Teilzeitmodellen – ein oft bewusst gewähltes Arrangement zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf – geraten unter Druck. Viele Eltern organisieren ihre Arbeitszeiten gezielt so, dass sie an bestimmten Tagen ihre Kinder selbst betreuen können. Die neuen fixen Schultage zwingen diese Familien nun dazu, ihre Arbeitstage ausgerechnet auf Montag und Freitag zu legen, um an den übrigen Tagen Betreuungslücken zu vermeiden.

Diese Vorgabe steht im Widerspruch zur gelebten Arbeitsrealität vieler Unternehmen. Die zentralen Arbeitstage sind üblicherweise Dienstag bis Donnerstag: An diesen Tagen finden Meetings statt, werden Entscheidungen getroffen und strategische Themen vorangetrieben. Montag und Freitag hingegen sind häufig Randtage mit geringerer Präsenz und Einfluss.

Die Konsequenz ist, dass insbesondere Teilzeit arbeitende Eltern – und hier nach wie vor überwiegend Frauen – strukturell benachteiligt werden. Wer gezwungenermassen an den weniger relevanten Arbeitstagen präsent ist, verliert an Sichtbarkeit, Einfluss und Entwicklungsmöglichkeiten. Damit entsteht die paradoxe Situation, dass ein Modell zur besseren Vereinbarkeit bestehende Ungleichheiten verstärken kann.


Hinzu kommt ein pädagogischer Aspekt: Der Freitag ist für viele Kinder ein anspruchsvoller Tag. Nach einer intensiven Schulwoche sind Konzentration, Aufnahmefähigkeit und Belastbarkeit reduziert. Ein verpflichtender ganztägiger Schulrahmen an diesem ohnehin belasteten Wochentag wirft daher Fragen hinsichtlich der Sinnhaftigkeit und der Qualität des Lernumfelds auf.


Ein weiterer Punkt betrifft die Freizeitgestaltung. Bereits heute sind zahlreiche Angebote – von Sportvereinen über Musikschulen bis hin zu öffentlichen Einrichtungen wie Badis und Spielplätzen – stark ausgelastet. Wenn nun ein Grossteil der Kinder an denselben Tagen gleichzeitig frei hat, führt dies zwangsläufig zu einer zusätzlichen Verdichtung. Überfüllte Angebote, längere Wartelisten und eingeschränkte individuelle Entfaltungsmöglichkeiten sind absehbare Folgen.


Vor diesem Hintergrund stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die aktuelle Ausgestaltung der Tagesschule den eigenen Zielsetzungen tatsächlich gerecht wird.

Ich bitte Sie daher, folgende Punkte zu prüfen:

  • Eine flexiblere Gestaltung der obligatorischen Schultage
  • Eine stärkere Berücksichtigung der realen Arbeitsstrukturen von Familien
  • Eine vertiefte Evaluation der Auswirkungen auf Gleichstellung und Chancengerechtigkeit
  • Eine erneute Einbindung der Elternperspektive in die Ausgestaltung des Modells
 

Die Tagesschule bietet grosses Potenzial für eine moderne und familienfreundliche Stadt. Entscheidend ist jedoch, dass ihre Umsetzung die Lebensrealitäten der Familien widerspiegelt und nicht unbeabsichtigt neue Hürden schafft.


Ich danke Ihnen für die Berücksichtigung dieser Anliegen.

Freundliche Grüsse

 Nicole Steiner und weitere Stadtzürcher:innen

 
Anhang: Ergänzende Perspektiven aus Praxis und Fachkreisen

Die vorgebrachten Punkte sind nicht isoliert zu betrachten, sondern spiegeln eine breitere Diskussion wider, die auch von Fachverbänden und schulnahen Gremien geführt wird.

So weist die VPOD mit ihrer Kampagne „Betreuungsalarm“ darauf hin, dass die Einführung der Tagesschule unter den aktuellen Rahmenbedingungen zu Lasten der Qualität gehen könnte. Kritisiert werden insbesondere ungenügende Betreuungsschlüssel sowie die Gefahr, dass finanzielle Mittel nicht ausreichend in die pädagogische Qualität investiert werden.


Auch der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) betont zwar die grundsätzlichen Vorteile der Tagesschule, warnt jedoch davor, dass Lehrpersonen zunehmend zusätzliche Betreuungsaufgaben übernehmen müssen. Dies könne die pädagogische Arbeit beeinträchtigen und zu einer Überlastung des Personals führen.


Auf lokaler Ebene zeigt sich zudem, dass der Unmut nicht nur vereinzelt auftritt. Im Elternkontaktgremium (EKG) des Schulkreises Uto wird die Festlegung auf Montag und Freitag wiederholt thematisiert. Die Rückmeldungen aus den Elternräten weisen darauf hin, dass die aktuelle Regelung in der Praxis auf breite Kritik stösst und als nicht ausreichend alltagstauglich empfunden wird.

Diese Stimmen unterstreichen, dass es sich nicht um ein isoliertes Anliegen einzelner Eltern handelt, sondern um strukturelle Fragestellungen, die sowohl die Qualität des Bildungssystems als auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betreffen.

 

Warum ist das wichtig?

Weil es kein isoliertes Anliegen einzelner Eltern geht, sondern um eine Veränderung, die sowohl die Qualität des Bildungssystems als auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betreffen.

Zürich, Schweiz

Maps © Stamen; Data © OSM and contributors, ODbL

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